Diversität und Diversifikation stärken Krisenresistenz

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2019 war für den weltweiten Tourismus ein Rekordjahr. Markiert 2020 das vorläufige Ende? Die Zukunft können wir nicht voraussagen, aber dass wir jetzt hilflos einem Virus ausgeliefert sind, wäre mir als Begründung zu kurz gegriffen. Die Analyse von Ursachen und möglichen Gründen, warum es gerade den Tourismus so stark trifft, scheint mir lohnender.

 „Erst wenn die Ebbe kommt, sieht man wer nackt schwimmt“, so Warren Buffet. Die aktuelle Situation lässt vermuten, dass im Tourismus doch sehr viele ohne Badeanzug durch die letzten Jahre geschwommen sind. Die Gründe für die Wachstumsexplosion der letzten zehn Jahre im Tourismus lassen sich leicht benennen. Der globale Wohlstand gestützt durch neue Geschäftsmodelle (zum Beispiel Low Cost Airlines oder Onlineportale wie Airnb) und massive Investitionen in die Hotellerie und Freizeitindustrie führten neben vielen anderen Parametern zu einem Boom. 2019 erwirtschaftet der Tourismussektor immerhin rund 10 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Warum aber trifft es jetzt den Tourismus so vehement?  Oder anders gefragt, wird hier zu sehr pauschalisiert? Liegt die alleinige Schuld nur daran, dass die Grenzen geschlossen sind? Meine klare Antwort lautet: Nein! Seit 35 Jahren befasse ich mich mit „sinnorientiertem Management als Lösungsansatz für Identifikationsprobleme“. Ich denke die Tourismusbranche steckt in einer veritablen Sinn- und Identifikationskrise. Nicht der Tourismus per se aber der Tourismus 2.0 ist als Brandbeschleuniger dieser Entwicklung nun der Totengräber seiner selbst. Die immer mehr, immer schnellere „Junk-Food“-Erlebnisse und Eindrücke liefernde Branche gepaart mit einer „Geiz ist geil“-Mentalität zeigte sich in den vergangenen Jahren nirgendwo stärker als im Après-Ski oder am Ballermann. Diese Exzesse sind für mich der touristische Sündenfall. Krisenresistent war und ist diese Entwicklung in keinem Fall. Das zeigen uns die vergangenen Monate auf sehr drastische Weise.

Einige allerdings haben diese Krisenresistenz. Sie bewältigen die schwierige Zeit erstaunlich gut. Warum? Die Antwort findet sich aus meiner Sicht in einer Kombination aus Diversität und Diversifikation. Gefragt sind Attribute wie Agilität und Flexibilität gepaart mit vorausschauenden Strategien, die einen achtsamen und nachhaltigen Umgang mit knappen Ressourcen wie Natur und Umwelt einschließen. Ich will keinesfalls grüner Politik das Wort reden. Ich sehe solche Ideen und Konzepte vielmehr als Voraussetzung für erfolgreiches und rentables unternehmerisches Handeln in der Zukunft.

Eine Wertebesinnung auf Nähe, Unmittelbarkeit, Einfachheit, Schutz, Geborgenheit und Sicherheit ist längst fällig. Unter Einbezug von Regionalität verspricht dies eine höhere Krisenresistenz und erhöht die Wertschöpfung in der jeweiligen Region. Wir müssen nicht das Rad neu erfinden, wollen wir in eine positive touristische Zukunft blicken. Vieles haben wir einfach vergessen, vieles dem kurzfristigen Rausch der schnellen Befriedigung geopfert.

Ich sehe starke Tendenzen hin zu mehr Selfness, einer Steigerung der Lebenskompetenz mit dem Ich als Mittelpunkt, ein lebenslanges Lernen, um gesund alt zu werden. Die Work-Life Balance wird immer mehr das erstrebenswerte Ziel. Wer darauf Antworten findet und seinen Gästen diese Antworten bietet, wird Krisen besser bewältigen und die Zukunft erfolgreicher gestalten können als andere. Davon bin ich überzeugt.

Alte Zöpfe und Traditionen müssen neuen Ideen und kreativen Innovationen weichen. Alte Seilschaften im Tourismus müssen gelöst werden. Ein Aspekt hierzu: Die meisten Gremien im Tourismus sind heute immer noch mehrheitlich mit Männern besetzt. Obwohl es im Tourismus bekanntlich einen hohen Frauenanteil gibt, finden sich nur sehr wenige Frauen in leitenden Funktionen wieder. Noch stärker lässt sich diese Entwicklung bei strategischen Grundausrichtungen von ganzen Regionen beobachten. Frauen sind in diesen Gremien und Entscheidungsprozessen selten eingebunden. Die positiven Beispiele aus anderen Branchen aber zeigen, mehr Diversität tut dem Ergebnis gut.

Ein anderer Gesichtspunkt: Jahrelang haben wir im Tourismus über die Sinnhaftigkeit und den Wert einer sozialpartnerschaftlichen Parität nicht einmal nachgedacht. Der wirtschaftliche Erfolg Österreichs in der Nachkriegszeit ist nicht zuletzt der Einführung der paritätischen Kommission zu verdanken. Diesen in der Wirtschaft so erfolgreichen Weg haben wir im Tourismus nicht einmal ansatzweise gesucht. Es ist eine lästige zumal gesetzliche Verpflichtung für die Arbeitgeberseite, die Arbeitnehmerseite in diesen Prozess miteinbeziehen zu müssen.

Neben der stärkeren Berücksichtigung von Frauen in Führungspositionen und Entscheidungsgremien könnte dies ein sehr starkes Signal für die Branche nach Innen insbesondere für die Mitarbeiter sein. Nach Außen wäre es dies ohnehin.

Aus meiner Sicht wird es nicht genügen, die Verantwortung an zunehmend überforderte Politiker zu delegieren. Engagement und Eigenverantwortung werden in Zukunft über den Erfolg von Regionen und deren Bewohner entscheiden. Unsere Branche wird sich wandeln müssen. Ich sehe nachhaltiges unternehmerisches Handeln unter Beachtung von ethischen, sozialen und ökonomischen Werten als Chance.

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